Universal URBAN / EASY does it

Deutschraps neue Mitte

Deutsche Rapper wollen nicht mehr Subkultur sein, sondern streben ganz bewusst in Richtung Mainstream, in die Mitte der Gesellschaft.

Was haben diese jungen Männer, die oft nach einer Kleinstadtjugend ihre Bestimmung in der Großstadt suchen, zu erzählen? Die Antwort wird zur Suche nach der Befindlichkeit einer Generation, die in den Neunzigern eingeschult wurde und in den Nullerjahren ihren Abschluss gemacht hat. Es war natürlich Casper, der die Türen zu einem Assoziationsraum aufgestoßen hat, in dem sich die melancholische Rückschau auf die eigene Jugend mit Gegenwartshedonismus vermischt, woraus die Sehnsucht nach einem diffusen Ort der Erlösung entsteht, nach einem »Hinterland«.

Das gleichnamige Album hat programmatisch die Richtung vorgegeben. Altmeister und Neodandy Prinz Pi arbeitet sich schon lange am Prozess des Erwachsenenwerdens in den so genannten heutigen Zeiten ab. Auch sein jüngster Langspieler »Kompass ohne Norden« ist eine einzige Reminiszenz an die Jugend, in der man noch König war, »nur mit Schnaps und Chio Chips«. Ein Zustand, den man hinter sich gelassen hat, ohne dass eine ähnlich fassbare Ära darauf gefolgt wäre (»Ich warte, dass mein Leben beginnt…» / »… treibe verloren in ein unbekanntes Morgen«). Der Abiball wird zum ewigen Fokuspunkt: Dieser Tag warf die Frage nach dem Lebensweg auf, und bis heute konnte sie nicht zufriedenstellend beantwortet werden.

In diesem Zustand der Vorläufigkeit des eigenen Lebens hat man sich eingerichtet, ohne dadurch freilich eine innere Ruhe zu finden. Der Österreicher Gerard stellt auf »Blausicht« die große Existenzfrage: Welt erobern oder Welt behalten? Weil eine Antwort nicht möglich ist, bleibt als Konsequenz nur das Prinzip »Alles jetzt«. Dazu Pi: »Wir wollen Erlebnisse, schnelle Ergebnisse, Easyjet-Wochenenden.« Wenn die Jugend verloren ist und man sich der Zukunft verweigert, bleibt nur reine Gegenwart. Und so beschließt Ahzumjot – in Hamburg geboren, nach Berlin gezogen – auf »Nix mehr egal«: »Wir bleiben jung – für immer, immer, immer.«

Die eigene Position bleibt weitgehend unklar und wird bewusst offengelassen: »Wollt ich wissen, wo ich bin, müsst ich raten«, heißt es bei Gerard. Lebensentwürfe werden ausprobiert und wieder verworfen (»Shuffle-Modus, irgendwohin wird’s schon gehen«). Prinz-Pi-Zögling eRRdeKa bringt es auf »Paradies« in der Prosa eines Adoleszenzromans auf den Punkt: »Für immer unterwegs Richtung Horizont / und frage mich, wann bin ich endlich angekommen.« Und Teesy, Jahrgang 1990, fasst das Dasein als Mittzwanziger auf dem wenig raffinierten Titel »Generation Maybe« von seinem Album »Glücksrezepte« einigermaßen plakativ zusammen: »Sie bieten Jobs an und reden von den schönsten Zeiten / wart noch, ich hab so viele Möglichkeiten.«

Dieses zähe Vorarbeiten mit Rückzugsoption bewegt sich immer in der Widersprüchlichkeit zwischen maßlosen Ansprüchen und dem Wissen um die Beschränktheit der eigenen Möglichkeiten. Zwischen Größenwahn und Depression. »Wir wollen mehr, mehr, mehr. Wir haben alles, was wir brauchen, doch noch lange nicht genug«, stellen OK KID auf dem gleichnamigen Album fest. Und Ahzumjot fragt wie selbstverständlich: »Wann bin ich dran?« Dran im Sinne von: Durchbruch, Erfolg, Ruhm.

Dass sich das geglückte Leben bei den zigtausend Möglichkeiten da draußen durchaus auch nicht einstellen kann, ist zum Beispiel einem Mortis – Berlin-Zugezogener, Snapback-Kappe, frisurbewusst – völlig klar (»Obwohl wir rauswollten, sind wir hier«). Ebenso wie die Tatsache, dass bei dem ganzen Ausprobieren und Neuentwerfen ruckzuck die Jahre ins Land gehen (»Gestern war man 18, heute ist man 30«). Man ist sich womöglich nicht sicher, ob es nicht völlig in Ordnung wäre, einfach mittelmäßig zu sein. Das Szenario bei Gerard: »Lebenslauf ganz okay, Praktikum gut gegangen, gefangen in der Durchschnittsfalle.« Berechtigter Einwurf von 3Plusss, geboren 1991, auf Mehr: »Bausparvertrag – Langweilt mich! / Haus mit Garten – Langweilt mich!«

Deutschraps Mister Superniceguy Marteria beklagt auf »Zum Glück in die Zukunft 2« : »Leben kleine Träume, verbrennen die großen Pläne.« Mortis würde dazu aber nicht stehen wollen: »Versteck mein Mittelmaß hinterm Sonnenbrillenglas.«
Auch Ahzumjot wollte mal »das größte Feuer entfachen«, aber fragt dann: »Wo haben wir das gottverdammte Feuer gelassen?« Das Niederbrennen der Verhältnisse ist hier jedoch auch nur eine ironische Pose, das Lied ist ja ohne Wut geschrieben. Die Revolution folgt (vielleicht) in einem Jahr, jetzt wird am Späti gecornert und Schnaps getrunken.

Oft inszenieren sich die Rapper von heute als neurotische Männer mit echten Leidenschaften in einem medialen Szenezirkus, der Egos aufbläst, bis man sich selbst für den wichtigsten Menschen auf Erden hält. Mortis ist »arrogant ohne Grund« und hat – wie er sagt – keine Zeit, er selbst zu sein. Teesy über die Liebe: »Wollen Geborgenheit, doch ficken uns um den Verstand.« OK KID zum Image: »Wir sind nach außen perfekt, innerlich fürn Arsch«. Und eRRdeKa zu Trends: »Alles finden vor dem Hype, um danach darüber zu lästern.«

Dass man die eigenen Schwächen kennt, ist noch kein Grund für eine gewisse Demut. Und wenn Ahzumjot auf »Der coolste Motherfucker« vom iPhone redet, das ihn während langweiliger Gespräche beschäftigt, dann ist das nur die Anspielung auf ein Umfeld, in dem man sich trotz scheinbarer Ablehnung selbst bewegt. Tatsächlich wirkt Ahzumjot ja auf jeden szenefremden Menschen wie ein übernatürlich stylisher Tonangeber, der verinnerlicht hat, wie man mit Coolness und Stil durchs Leben geht – auch wenn er mit der Musik etwas ganz anderes vermitteln möchte. Die Abgrenzung ist jedenfalls da: Für 9 to 5 hat der junge Mann keine Zeit. Für Aktivismus pro irgendwas aber auch nicht (»Tauschen Protest gegen Kummer, Suff und schlechte Tätowierungen«).

Die Unzufriedenheit mit der Orientierungslosigkeit im Hier und Jetzt wird nicht positiv in Aktionismus verwandelt, sondern anstatt dessen ein Eskapismus zelebriert, der schon das zentrale Thema von »Hinterland« war. Seit Caspers großer Stadion-Platte wurde dieses Motiv niemals wieder so konsequent für eine jugendliche Käuferschicht zwischen Abistress und erster großer Liebe aufbereitet wie auf »Ballonherz« von Olson.

Die Geschichte wiederholt sich auf den 13 Tracks des Albums immer wieder: Durch Affären und Szenesuff steht der junge Herzensbrecher völlig neben sich, dabei wünscht er sich doch nur die eine Frau, mit der er alles hinter sich lassen kann. Olson packt die großen Themen an: Es geht um die Flüchtigkeit der Liebe (»Vielleicht ist es morgen schon wieder vorbei«). Um den irrationalen Überschwang, über den man sich absolut im Klaren ist (»Sag nur ein Wort, und ich buch uns einen Flug, Baby, kündige noch heute und fahr los«).

Um die stetige Performancehaftigkeit der eigenen Identität (»Jeder Fotoautomat der Stadt weiß von uns mehr als wir selbst«). Die Wirrungen der Existenz finden einen scheinbar simplen Ausweg: »Ich fahr mit dir ans Meer – yeah! / Ey yo, eyooo. Irgendwo hin, irgendwo hin.« Was hier mit der Stringenz der Major-Maschinerie musikalisch durcherzählt wird, ist der Rückzug aus der oberflächlichen Welt, deren Produkt man selbst ist. Auf einem Track rappt Olson: »Würd meine besten Nikes versetzen für‘n Ticket hier raus«. Hier werden die Wertmaßstäbe klar.
Man kann sich sehr leicht vorstellen, wie dieses Ballonherz zu parodieren wäre: die ewig gleichen Betonungen, die effekthascherischen Sprachbilder (»Schlagen mit dem größten Hammer, den wir finden können, die Uhren dieser Welt kaputt«).

Aber das wäre allzu billig. Olson treibt nur die Widersprüche der Großstadtexistenz zwischen Allmacht und Angst auf die Spitze. Die Gesamtstimmung der maßgebenden Alben, die nur fachfremde Menschen mit dem Wort Hipsterrap umschreiben würden, lässt sich schließlich so zusammenfassen: Früher war alles irgendwie besser. Und weil morgen unklar ist, soll heute zumindest alles maximal geil sein. Am besten mit dir, Baby, an einem ganz weit entfernten Ort. Man will alles, aber ist gleichzeitig zu cool, zu wissend, zu satt, um wirklich etwas zu wagen. Die zögerliche Haltung zum eigenen Leben wird ihrerseits ironisch gebrochen und reflektiert – selbst dazu möchte man sich nicht klar bekennen.

Die große Frage ist natürlich: Mit welchem Anspruch soll man jetzt an diese Musik herantreten? Wie kann man sie überhaupt bewerten? Ist es nicht eine Anmaßung, über Gefühle zu urteilen, die Rapper zu ihren Texten motivieren, und die man nicht kennt? Das grundsätzliche Problem des Kritikers: der intellektuelle Blick auf Musik (immer schwierig). Natürlich sollen die Lieder einfach auf die Stimmung aufsetzen, die in einem schwelt, und in dem Moment ist es egal, was sie will, kann oder soll. Aber natürlich lässt sich trotzdem jenes große Generationengefühl aus den Alben heraushören, das einerseits von den Künstlern gelebt und andererseits von der Industrie in einem Resonanzraum aus Mp3-Playern, Festivals und YouTube multipliziert wird.

Diese Musik ist ein Spiegel der Wirklichkeit des modernen jungen Mannes, der viel zitierten Generation Y (9/11, Klimawandel, Finanzkrise, Internet, What‘s App, you name it). Zu ironisch und abgeklärt für die großen Gefühle, aber die Sehnsucht nach ihnen bleibt; mit riesigen Ansprüchen an die Welt, aber zu unpolitisch für einen Gestaltungswillen, der über das eigene Selbstbild und den Sinn für den Sneaker der Stunde hinausgeht. Stets stilsicher im Auftritt, aber nicht selbstbewusst genug, um keinen doppelten Boden der Ironie einzubauen. Der Wunsch nach einer passenden Haltung zu den Dingen, doch stattdessen nur Sätze, die gut klingen sollen.

Dieser Text ist in unserer fünften Ausgabe erschienen, die ihr online weiterhin bei Krasser Stoff bestellen könnt!

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