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Gespräch: Miss Platnum

 

Es ist der letzte Interview-Termin für unsere zweite Ausgabe. Nach einem anstrengenden Tag sitze ich, einen kleinen Shiba Inu-Rüden namens Lewin zu meinen Füßen, im Taxi gen Kreuzberg 61. Ich zahle, hebe den Hund aus dem Auto, steige hinterher und stehe auf der Bergmannstraße, der bürgerlich-entspannten Flaniermeile des Bezirks. Unser Ziel ist das »Ø«, ein Restaurant, dass auf seiner Website ankündigt, »die Dezentralität Berlins, ihre inhaltlichen Stilmixe und deren Wildwuchs widerzuspiegeln.« Verabredet bin ich dort mit Ruth Renner, also Miss Platnum. Die hat ein neues Album aufgenommen, es heißt »Glück und Benzin«. Eine Platte, gleichzeitig modern und klassisch. Das Progressive spiegelt sich hier in erster Linie in den Produktionen der Krauts, die für »Glück und Benzin« erneut einen geschmackvollen Soundentwurf gefunden haben. Das Klassische wiederum steckt in den Texten von Ruth Renner. Sie beschäftigen sich in erster Linie mit den für immer wichtigsten und stets aktuellen Themen der Pop-Musik: mit Männern, Frauen und wie sie miteinander auskommen, spielen, sich verlieben. Stichworte, um die sich wenig später auch ein Großteil unseres Gespräches drehen wird. Natürlich ahne ich davon noch nichts, während ich mit Lewin auf den Mehringdamm abbiege und das leuchtende »Ø« vor mir erscheint. Das Gebäude, in dem sich das Restaurant befindet, schält sich wenige Meter später elegant aus der Dunkelheit. Nobel sieht es aus und zum Glück entspricht es nicht der Reißbrettartigkeit, die mir vorab von seiner Onlinepräsenz suggeriert wurde. Im Inneren plätschert Jazz vor sich hin. Bisher sind wenige Tische belegt. Umso größer wirkt der Saal, in dessen Zentrum eine massive Bar steht. Um sie herum platziert sind Designer-Objekte. Stühle von Eames, Tische von weiß-ich-wem. An einem der Plätze sitzt Ruth Renner mit ihrem Management. Nach der Begrüßung und nachdem wir uns Getränke, Bier und Tee, bestellt haben, lässt das Management uns alleine. Obwohl Ruth im ersten Moment eher zurückhaltend, fast schüchtern wirkt, bricht das Eis schnell. Vielleicht sollte man zu jedem Interview einen Hunde-Welpen mitbringen.

 

Vielen Dank für die Einladung. Hast du das Restaurant ausgesucht?

Miss Platnum: Ja, ein Bekannter von mir hat sich das Inneneinrichtungskonzept für den Laden überlegt, deswegen war ich hier bereits zur Eröffnung. Außerdem ist die Marie, die Tochter von Herbert Grönemeyer, die Partys sei Dank auch eine Freundin von mir geworden ist, hier Miteigentümerin. Ist sehr familiär hier, DJ Illvibe von den Krauts hat auch hier bei der Eröffnung aufgelegt.

Apropos Illvibe. Hast du das Album gehört, das er mit Taktlo$$ und Justus aufgenommen hat (»Limitierte Signale«, Anm. d. Red.)?

Miss Platnum: Der, der dort rappt, das ist doch gar nicht Taktlo$$ (lacht). Das sind zwei ganz verschiedene Personen. Ein sehr interessantes Album. Es ist absolut horizonterweiternd, was die dort von sich geben. Teilweise muss ich darüber auch lachen, aber für mich ist das auf gewisse Weise auch abstrakte Kunst. Manchmal versteht man das Bild, manchmal steht man ratlos im Regen. Ich singe ja sogar auch auf der Platte unter einem Alter Ego.

Das wusste ich gar nicht. Kannst du dir vorstellen, selbst mal ein Album als jemand anderes als Miss Platnum zu machen?

Miss Platnum: Natürlich, das möchte ich unbedingt mal machen. Das schöne an einem Alter Ego ist, dass man sich mit ihm von vielen Regeln, die man sich häufig auch selbst setzt, weil man bei einem Major unter Vertrag steht und irgendwie dann doch Popmusik macht, befreien kann. Das ist sehr entspannend. Allerdings vermischt sich das bei meiner Musik ohnehin häufig. Ich nehme mir gerne die Freiheit, mal abzudriften. Mich interessiert sehr viel mehr, als nur Drei-Minuten-Popsongs.

Gibt es denn irgendwelche Songwriter-Regeln, die du tatsächlich verfolgst?

Miss Platnum: Ne, überhaupt nicht. Es gibt da eine vielleicht ganz lustige Anekdote, die gut erklärt, wie wir arbeiten. Viele der Songs auf »Glück und Benzin« sind in Zusammenarbeit mit Monk entstanden und irgendwann meinte er mal zu mir nautische Begriffe seien scheiße und unbrauchbar, weil die schon zu viele Leute verwurstet haben. Aber irgendwann kommt er dann zu mir mit einem Song, ganz stolz, und erklärt mir, er hieße »Mann über Bord«. Wenn man Regeln aufstellt, dann bricht man sie häufig selbst. Dass das passiert, finde ich ganz wichtig für eine gute Platte. Wie man aber angeblich einen formell perfekten Pop-Song schreibt, das weiß ich nicht.

Du wurdest früher aber schon gesanglich ausgebildet, oder?

Miss Platnum: Ja, und darüber bin ich auch sehr froh. 1999 geriet ich an Jocelyn B. Smith, eine Jazz-Sängerin. Ich stand gerade kurz vor dem Abi, als mir ein Freund von ihr erzählte. Wenig später besuchte ich eines ihrer Konzerte und meldete mich für einen ihrer Workshops an. Der war allerdings krass. Mitgemacht haben da in erster Linie Hausfrauen, die irgendwie versuchten, ihren Körper besser kennenzulernen. Für die war das eher eine Art spirituelle Erfahrung, ich hingegen wollte wirklich das Handwerk lernen. Also nahm ich bei ihr später privaten Unterricht.

Hattest du damals schon das Ziel, Popmusik zu machen?

Miss Platnum: Eigentlich wollte ich zunächst wirklich nur lernen, um zu lernen. Ich hatte zwar schon gemerkt, da ist etwas, vielleicht ein Talent, aber, ob ich das damals schon dachte, das machst du mal beruflich? Nein, das wusste ich damals noch nicht.

Was hattest du denn eigentlich vor?

Miss Platnum: Die Musik hatte ich schon immer im Hinterkopf, ich traute mich nur nicht, das ernsthaft als Chance zu begreifen. Zudem wusste ich nicht, wie ich das hätte anpacken sollen. Also schrieb ich mich zunächst mal für Romanistik ein. Da war ich allerdings nur drei Mal und dann nie wieder. Wenig später entschied ich mich dann doch dazu, es mit der Musik zu probieren und ab dem Punkt flogen mir die Sachen nur so zu. Meine Gesangslehrerin besorgte mir erste Jobs, ich habe damals fürchterliche, aber auch ganz gute Sachen gemacht. Background-Geschichten, Jingles und so.

Deine heutigen Produzenten, die Krauts, wann hast du die kennengelernt?

Miss Platnum: Schon zu der Zeit, als sie Moabeat gründeten und ihre erste Platte aufnahmen. Ich singe zum Beispiel auf »Topmodel« und »Macker« und tauchte auch in ihren Videos auf. Bis sich dann alles änderte. Yasha ging nach Amerika und ich begann, an meiner ersten Platte zu arbeiten.

Dein Studienplatz für Romanistik, der war auch in Berlin, oder? Bist du eigentlich mal irgendwann für länger aus der Stadt herausgekommen?

Miss Platnum: Ne. Ich hatte zwar ein Stipendium für Berklee, eine Musikhochschule in Boston, aber das Studium dort konnten meine Familie und ich uns dennoch nicht leisten, weil mich alleine die Gebühren trotzdem noch 3.000 Dollar pro Semester gekostet hätten.

Bereust du es, bisher immer in derselben Stadt gelebt zu haben?

Miss Platnum: Eigentlich nicht. Eine Zeit lang bin ich mit meinem Freund sehr viel gereist. Er macht ja auch Musik und hatte über das Goethe- Institut die Chance, viel in Südostasien und Südamerika zu spielen. Da bin ich mit ihm gereist und als meine Platten noch auf Englisch waren, bin ich ohnehin viel international getourt. Dadurch habe ich das nie bereut. Ich würde allerdings gerne mal ein Jahr lang jeden Monat in einer anderen Stadt leben.

Die Chance, mit deinen Songs die Welt zu bereisen, hast du durch den Switch zur deutschen Sprache mehr oder weniger aufgegeben, oder?

Miss Platnum: (lacht) Scheiße. Das stimmt, allerdings klingt die Musik an sich ja relativ international. Dadurch besteht zumindest die Möglichkeit, die Songs noch zu übersetzen. Aber jetzt möchte ich natürlich erst mal den deutschen Markt rasieren (grinst).

»Glück und Benzin« arbeitet viel mit »amerikanischen« Sounds und Folklore-Referenzen. »99 Probleme« könnte gar ein HipHop-Song sein. Als ihr mit der Arbeit anfingt, hattet ihr da konkrete Sound- Vorbilder im Kopf?

Miss Platnum: Das nicht, eine konkrete Idee hatte ich allerdings schon, nur ist von der vergleichsweise wenig übrig geblieben. Eigentlich wollte ich, dass in meinen Songs James Blake auf Hildegard Kneef trifft. Die Songs sollten ursprünglich Chanson-artig geschrieben sein, aber das erschien mir irgendwann zu ermüdend. Überbleibsel dieser Idee sind nur »Nur die Liebe«, »Kleiner Schmerz« und »Frau Berg«. Auch hier fühlte ich mich irgendwann eingeengt, also haben wir mit dem Konzept gebrochen. Ich glaube, diese Arbeitsweise führt am Ende auch am ehesten zu einem guten Album.

Ihr habt ja fast drei Jahre lang an der Platte gearbeitet. Kannst du die Songs denn trotzdem noch leiden?

Miss Platnum: Wieder. Zwischendurch nervte mich eine Zeit lang alles riesig, es dauerte alles sehr lange, es war für mich schließlich wie eine Neugeburt. Ursprünglich wollte ich ganz weit weg von allem, was ich vorher gemacht habe. Irgendwann merkte ich aber, dass das eigentlich auch keinen Sinn macht. Eigentlich finde ich es ja gut, dass der Balkan in meiner Musik mitschwingt. Aber das herauszufinden hat eine Weile gedauert. Außerdem musste ich erst mal eine eigene Sprache, einen eigenen Stil finden, der auch auf Deutsch Swag hat. Musik hierzulande klingt häufig sehr hölzern, meine Platte sollte aber geil und locker klingen.

Woher kommt er denn, also der Swag in deiner Musik?

Miss Platnum: Der kam vielleicht auf die Platte, weil ich meine Songs mit Rappern geschrieben habe. Eine Frau, die größtenteils Liebeslieder singt, die aber mit männlichen Rappern geschrieben hat, das kann eigentlich nur Swag haben. Außerdem bevorzuge ich eine Art von Gesang, die auf Understatement setzt. Eine Sängerin muss nicht immer alles zeigen, was sie hat und jede Oktave auspacken, die sie kennt.

Du vermeidest es, in die Kitsch-Falle zu tappen.

Miss Platnum:Auch da haben die Männer sicherlich geholfen, da sie sich vielleicht mehr vor Kitsch fürchten als Frauen. Viele machen im Pop den Fehler, Englisch auf Deutsch zu übersetzen, aber das funktioniert nicht. Anstatt dessen sollte man es sich zunutze machen, dass es im Deutschen häufig mehrere, sehr schöne Wörter gibt, um ein und dieselbe Sache auszudrücken.

Wie findet man denn nicht abgegriffene oder kitschige Worte für menschliche Gefühle, die eigentlich von Natur aus kitschig sind?

Miss Platnum: Unterschiedlich. Manchmal suchten wir uns ein Thema, ließen erst mal unseren Gedanken freien Lauf, diskutierten und dann schrieb jeder zwei Strophen. Die hat man einander später gezeigt und dann das Beste aus allem zusammen gebracht. Manchmal kam aber auch einer mit ner Idee ins Studio und wir haben das dann zusammen vervollständigt. Wir arbeiten ja in derselben Konstellation an den unterschiedlichsten Projekten, von daher verstehen alle Beteiligten sich sehr gut. Wir sind ja auch mehrfach zusammen weggefahren, zum Beispiel in die Uckermark, um uns in einem Landhaus für ein paar Tage mit viel Schnaps und Wein einzuschließen und zu texten.

Marteria hat mir letztens auch erzählt, dass er sich mittlerweile in Brandenburg ein Haus gekauft hat. Willst du das auch irgendwann machen?

Miss Platnum: Schon, wenn auch vielleicht nicht in Brandenburg. Ich hätte dann doch lieber zum Beispiel ein Haus mit Meerblick oder etwas an einem geilen See mit Bergen drumherum.

Dein Umfeld, die Krauts, du, Marteria, ihr seid ja alle ungefähr im selben Alter und ein eingeschworenes Team. Gibt es in dem tatsächlich einen Trend dazu, häufiger die Großstadt zu verlassen und nicht mehr ständig feiern zu gehen?

Miss Platnum: Das geht glaube ich echt vielen so. Menschen wie mir fällt es sehr schwer, die ganze Zeit über diszipliniert zu sein und früh ins Bett zu gehen. Wenn ich auf Tour bin, dann feiere ich eben und auch im Studio machen wir das gerne mal. Wenn man Berlin die ganze Zeit um sich herum hat, dann ist die Verlockung groß und außerdem ist man ständig auf dem Handy erreichbar oder muss irgendwas unterschreiben. Seine Ruhe hat man hier ja kaum mal.

Kannst du denn auch schreiben, wenn du Ablenkungen um dich herum hast?

Miss Platnum: Eigentlich nicht so richtig. Letztens habe ich mit Nico von K.I.Z. an einem Song geschrieben und er ließ im Hintergrund die ganze Zeit den Loop laufen. Er brauchte das für den Vibe, aber mich nervt das nur.

Wenn du Songs schreibst, welche Einflüsse prägen dich da eigentlich?

Miss Platnum: Zuallererst prägt mich natürlich, dass ich eine Frau bin. Obwohl ich mit Männern geschrieben habe, sollte diese Weichheit, die eine Frau besitzt, schon immer mitschwingen. Ich glaube, ich vereine in meiner Person eine cool-krawallige und eine weiche Seite. Ich kann mit Jungs saufen, aber mache mir natürlich auch häufig einen Kopf über Themen wie Liebe und Familie. Beides spielt eine Rolle. Auch der Album-Titel »Glück und Benzin« vereint ja zwei vermeintliche Gegensätze. Kantig und weich zugleich, das sollte der grobe Überbau für die Songs sein.

Was würdest du sagen: Gibt es eigentlich noch immer den Typus Mann, der mit Frauen, die saufen können…und schnell Auto fahren und spucken und schlagen…nicht klarkommen.

Miss Platnum: Zum Glück kenne ich diese Jungs nicht, obwohl ich viele, männliche Freunde habe. Allerdings werde ich tatsächlich in Clubs auch nicht sonderlich oft angegraben. Gerade dort gehen Männer gerne noch immer häufig nach dem Mäuschen- Beuteschema vor, vielleicht weil es leichter ist, vielleicht weil Sie Angst haben. Keine Ahnung, aber das ist ja zum Glück auch nicht mehr mein Problem (lacht).

Fändest du es denn schöner, wenn man dich auch mal offensiv angraben würde?

Miss Platnum: Ja, schon. In meiner Jugend bin ich im Sommer häufig nach Rumänien gefahren, um meine Cousine zu besuchen. Dort sind wir immer sehr oft weggegangen. Dort ist flirten viel mehr ein ganz natürliches Spiel, als in Deutschland. Sobald du irgendwo herein kommst, wirst du erst mal umgarnt und auf Drinks eingeladen. Hier in Berlin gucken die Typen hingegen erst mal auf den Boden und wissen nicht wohin mit sich selbst. Auf der anderen Seite verschreckst du aber auch Männer, wenn du selbst aktiv wirst. Erst nach vier oder fünf Bier laden sie dich vielleicht mal ein. Das hat mich als Teenager sehr verwirrt.

Ich würde mich da ja selbst auch gar nicht raus nehmen, aber wenn ich so überlege, bekommt das mit dem Flirten in meinem Freundeskreis tatsächlich kaum jemand ohne Alkohol auf die Reihe. Glaubst du, deutsche Männer sind irgendwie verklemmt?

Miss Platnum: Ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass das so wirklich etwas mit Verklemmtheit zu tun hat. Ich würde das eher auf die Kultur beziehen, es gibt unter deutschen Jungs dann vielleicht welche, die so sehr Gentleman-mäßig sind. Das ist natürlich auch sehr schön, aber eine Zeit lang konnte ich mit den rumänischen Männern schon sehr viel besser.

Aber mittlerweile kommst du mit uns klar?

Miss Platnum: (lacht) Natürlich. Aber ich freu mich auch, wenn mal einer ein bisschen klarer flirtet.

Gehört für dich eigentlich auch die Fähigkeit Verantwortung zu über- nehmen zu dem, was du als männlich bezeichnen würdest? Teile unserer Generation scheinen vor dieser Aufgabe große Angst zu haben.

Miss Platnum: Na ja, früher hatte man ja nicht die Wahl, übernimmt man nun Verantwortung oder nicht, man hat es einfach gemacht. Unsere Generation hat das Problem, dass wir wissen: Eigentlich kommen wir auch alleine klar, eigentlich können wir alleine für uns sorgen. Ein Mann braucht keine Frau und eine Frau braucht keinen Mann, um zu überleben. Dadurch geraten viele ins Grübeln. Unabhängigkeit oder Beziehung, man kann jederzeit wählen und das macht es kompliziert. Wir können theoretisch alles machen, dadurch stellt sich die Frage danach, was ich eigentlich will, viel dringlicher. Vielleicht gehört das zu einem ähnlichen Problem wie das mit dem Flirten. Die klassischen Vorstellungen von Frau und Mann haben sich aufgelöst und ehrlich gesagt finde ich das auch ein wenig schade. Ich möchte als Frau nicht betüddelt, aber dennoch auf Händen getragen werden. Auch da geht es für mich wieder in erster Linie um das Spiel zwischen Mann und Frau, das ich sehr schön finde.

Alice Schwarzer würde nun aufjaulen. Sie würde vielleicht sagen: Das ist sie wieder, die schwache Frau, die unbedingt erobert werden will.

Miss Platnum: Nein, das sehe ich anders. Eine Frau muss nicht schwach sein und kann trotzdem erobert werden wollen.

Über die veränderten Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit wird aktuell sehr viel nachgedacht und geschrieben.

Miss Platnum: Ich glaube, unter Männern herrscht momentan der Konsens, dass Machos out sind und Frauen ihre Freiheiten haben sollten und das ist gar nicht schlecht. Aber es gibt genug Männer, die das so ernst nehmen, dass sie glauben, sie dürften nun gar nicht mehr »männlich« sein. Ich genieße es, als Frau in meiner Arbeit taff zu sein und mir nichts sagen zu lassen. Aber wenn ich dann nach Hause komme, möchte ich auch einfach weich sein dürfen.

Das ist für uns Männer natürlich kein leichter Spagat. Man erwartet von uns Stärke, aber dann wiederum nicht auch selbst schwach sein zu können, das wäre ja genauso bescheuert.

Miss Platnum: Klar. Männer sollten auch weinen dürfen, sie sollten bei der Geburt dabei sein wollen. Ich schätze, es ist einfach eine Zeit lang zu sehr in eine Richtung gegangen. Aber irgendwie sollte der Mann offensichtlich dann doch auch die Frau beinhalten. (lacht) Im Endeffekt ist es vermutlich so, dass Frauen männliche Eigenschaften haben und genauso Männer weibliche Eigenschaften. Manch einer mehr, manch einer weniger, eigentlich müsste man daraus gar kein großes Ding machen. Vermutlich sind Menschen nicht mal zu 100% hetero- oder homosexuell. Auch da existiert doch eine Theorie, die besagt, es gäbe in Sachen Sexualität auch Abstufungen.

Zumindest kann auch ich, wenn ich tatsächlich ehrlich zu mir selbst bin, ein Urteil darüber fällen, ob ein Mann irgendwie attraktiv wirkt oder nicht.

Miss Platnum: Es ist doch schlimm, wenn man vor einer solchen Aussage Angst hat oder gar denkt, oh Gott, wenn ich das nur denke bin ich vielleicht schwul. Das wäre wiederum auch total unmännlich.

Unsere Branche, die Musik-Industrie, wirkt trotzdem häufig noch ziemlich Ego-getrieben, findest du nicht? Diese Welt ist zwar sehr tolerant, aber viele klassische Alphatiere gibt es in ihr trotzdem noch.

Miss Platnum: Klar, wenn man darauf böswillig blickt, kann ein Musikindustrie-Job auch so funktionieren wie eine Stelle als Bankangestellter. Es geht oft um Hierarchie, häufig auch um Statussymbole und Trophäen, die genauso junge Frauen, wie auch junge Bands sein können. Allerdings hat das für mich nichts mit Musik zu tun. In großen Teilen der Major-Industrie geht es eben auch einfach um Geld und Erfolg. Aber nicht bei meinem Label. (lacht)

 

Interview: Sascha Ehlert

Foto: Cheesecake

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