Bildschirmfoto 2014-08-19 um 14.00.00

Marteria · Einer für Alle · (Teil 1)

 

Marteria. Ex-Fußballer, Ex-Modell, Jetzt-Rapper. Besser noch: Deutschraps Posterboy. Der, der das ganze Ding nach langer Durststrecke endlich wieder cool gemacht hat. Einfach so, im Vorbeigehen. Und so weiter und so fort. Diesen Abriss über den Rostocker Marten Laciny, hat man nun schon des öfteren und zu genüge gelesen. Kurz gesagt: Marten ist der man. Der Alleskönner und Alleskenner. Smart und mit Bart. Dieser Tage erscheint sein drittes Album »Zum Glück in die Zukunft 2«. 14 Songs, die jetzt schon zum besten gehören, was 2014 an deutschsprachiger Musik erscheinen wird. Ein Gespräch.

 

Mein erster Gedanke zur Titelgeschichte mit Marteria war: keine Titelgeschichte machen. Irgendwas Geiles. Was Starkes. Nicht einfach treffen, absabbeln und runterschreiben. Bei der Lektüre der ersten Ausgabe von »Das Wetter« war mir der lange und intensive Spaziergang von meinem guten Freund, geschätzten Kollegen und bewunderten Autoren Max Leßmann mit Dagobert im Gedächtnis geblieben. Wie die beiden durch das hässliche Berlin flanierten und die Geschichte von Dagobert, wie er da unter diesen Plastikplanen kaum Luft bekam. Wie geil, dachte ich, wäre es denn, mit Marteria, diesem Rostocker Lokalpatrioten und passionierten Angler, einfach ins Rostocker Umland zu fahren und Fische zu fangen? Morgens, in aller Frühe aus dem Bett quälen. Mit verquollenen Augen, durch den Morast waten, im Nebel über dem Ufer kaum etwas sehen. Und dann: einfach rumstehen oder sitzen und abwarten. Erst mal gar nichts sagen. Besser: Die Sache aussitzen. Die Idee vom meditativen Momentum des Angelns voll ausreizen. Schweigen bis zum gehtnichtmehr. Ruten rein und los. Einfach nur angeln. Und dann, nach getaner Arbeit, stolz den Fang nach Hause tragen und gemeinsam in die Pfanne hauen, dann bei Fisch, Wein und im Schein der Kerzen alles durchkauen – den Fisch und die Entstehungsgeschichte des Albums.

So hatte ich mir das vorgestellt. Das Problem: im schweinekalten Berliner und Brandenburger Dezember, dazu noch mitten in der Hochphase der Albumbewerbung, ist dieses Unterfangen eher schwierig in die Tat umzusetzen. Deshalb skippen wir die Idee von der oben beschriebenen, trauten Zweisamkeit am nebelverhangenen Ufer und gehen direkt zum Fischverzehr über. Nach einem stressigen Promotag, an dem Marten auch noch für die Neuaufnahmen der obligatorischen Bonustracks des Albums ins Studio muss, treffen wir uns in einem türkischen Fischrestaurant auf der Oranienburger. Seine Wahl. Marten wohnt vielleicht fünf Minuten entfernt und war eine Zeitlang jede Woche hier. Was man verstehen kann. Drinnen vermischt sich türkische Opulenz mit maritimem Klischeeinterieur und der Berliner Backsteinromantik. Auf dem kleingeschlagenen Eis in der Auslage finden sich Fische noch und nöcher: Lachs, Thunfisch und Karpfen. Auf dem Rost über dem Holzkohlegrill nebenan brutzeln Omul, Dorade und Barsch. Im Hintergrund dudelt klassische Musik. Marten, bestens mit der Karte vertraut, bestellt ohne Umschweife: »Sechs Austern, dazu einmal die Dorade und einmal Wolfsbarsch. Beide mit Salat, Ayran und Wasser.«

Ein paar Minuten später stehen schon mal die Austern vor uns. Vier krustige Etwasse, an denen noch ordentlich undefinierbarer Kladderadatsch aus dem Meer klebt. Für mich als absolut Nichtauskenner in Sachen Muschelessen sind die Austern eine Riesenherausforderung. »Viele finden Austern gewöhnungsbedürftig, aber ich liebe die.« Sagt’s und schlürft die sauer-salzige, gallertartige Masse in den Mund. »Und dann«, sagt Marten und führt das krustige Etwas weg vom Mund und lässt es klappernd auf den Teller fallen, »schmeckt man das Meer.« In der Tat: Das im Mund umher schwimmende, Zitronensaft-getränkte Muschelfleisch gibt einem das Gefühl, man habe einen ganzen Ozean im Mund. »Und wir haben noch zwei. Riesengeil!« Aber genug der kulinarischen Orgasmen. Während Marten seinem Wolfsbarsch blitzschnell die Haut abzieht und den Fisch von der Gräte trennt, tue ich es ihm mehr schlecht als recht gleich. Marten erzählt, dass er 2014 seinen Angelschein nach sieben oder acht Jahren endlich neu machen will. Eine schwierige Prüfung? Er winkt ab. »Höchstens die Angelknoten.« Von denen gäbe es tausende. »Im Endeffekt muss man nur wissen, was für Fische im Süß- und Salzwasser schwimmen, welche Angelmethoden es gibt und was man nicht darf – zum Beispiel mit lebenden Ködern oder Dynamit angeln.«

Marten selbst angelt nur »auf Raubfisch«, wie er im astreinen Angler-Sprech sagt. »Hechte oder Barsche sind geil. Die fängt man am besten im Schilf. Dort ist das Wasser immer etwas flacher. An den Ecken des Schilfs befinde sich oft eine kleine Ausbuchtung in der Hechte oder Karpfen auf andere Fische lauern würden. Man muss den Blinker genau an die Kante werfen und wieder zum Boot ziehen.« In der Regel beisse der Fisch dann an – und landet wenig später in der Pfanne oder auf dem Grill. »Es gibt ja Riesendiskussionen darum, ob Fische überhaupt Tiere sind, weil die kein richtiges Schmerzempfinden haben.« Um einen Fisch nach dem Fang zu töten, reicht meist ein zentraler Schlag auf das Gehirn. Viele würden die Tiere auch einfach ersticken lassen, das findet Marten grausam. Eine Zeitlang habe er auch mit dem Angeln aufgehört, weil er das mit dem Töten nicht mehr ausgehalten hat. »Ich hab da Alpträume von bekommen. Und wenn du zum Beispiel eine Hechtmutti rausholst und tötest, dann ist das ja einfach scheiße. Auch für den See.« Es gehe Marten gar nicht so sehr um das Fangen. »Es ist einfach stark, draußen zu sein und wenn man dann noch einen Biss hast, ist das das Geilste.« Marten und sein Vater sind früher oft gemeinsam angeln gegangen. Meist erfolglos, sodass die beiden auf dem Rückweg nach Hause beim Fischladen Halt gemacht und sich ihren Fang heimlich erkauft haben. »Mama hat das bestimmt auch gemerkt«. Er lacht. »Aber Hauptsache, es hat geschmeckt.« Marten und seine Freundin, die Pescetarierin ist, essen zuhause viel Fisch. Auch auf Tour gibt es jeden Freitag Meerestiere auf dem Teller. Wir sprechen darüber, wie selten diese Tradition geworden ist. »Die jüngeren Leute aus Rostock essen alle keinen Fisch mehr. Das sind alles so hängengebliebene Joey’s Pizza-Leute, die keine Lust auf Seelachsbrötchen haben und sich meistens davor ekeln. Wenn überhaupt, dann essen die Fischstäbchen.«

Hat sich das Verhältnis zu seiner Heimat Rostock eigentlich verändert? Marten überlegt. »Total. Aber das hängt damit zusammen, wie entspannt du bist. Und natürlich ist es auch eine Frage des Geldes. Wenn du keine Kohle hast, hast du auch keine Möglichkeit ständig nach Rostock zu fahren. Da denkst du erst mal darüber nach, in der Stadt in der du wohnst klarzukommen und einen Job zu haben, mit dem du genug verdienst.« Auch Marten hatte diese Phase. Meist war er dann im gesamten Jahr nur ein oder zweimal in der Heimat. Das sei mittlerweile anders. Er hat den gesamten Sommer in Rostock verbracht. Natürlich muss man die Zeit dafür haben. »Aber erst jetzt kann ich das wieder genießen und meine Kindheit wiederentdecken.« Marten verbindet aber nicht nur seine eigene Kindheit mit Rostock. Luis, sein sechsjähriger Sohn, lebt mit seiner Mutter hier an der Ostsee. Wann immer es geht, verbringt Marten die Wochenenden mit dem Kleinen. »Die Zeit mit Luis genieße ich komplett, da bin ich nur mit ihm unterwegs. Klar sind die Kumpels dann manchmal enttäuscht. Aber ich hab halt ein Kind. Früher bin ich trotzdem weggegangen. Aber das ist einfach beschissen, wenn du bis 6 Uhr feierst und um 12 Uhr am Start sein musst. Wir besuchen dann die Robbenstation oder gehen gemeinsam an den Strand.« Ist Marten nicht mit Luis unterwegs, verbringt er die Zeit mit seiner Freundin in seinem Haus am See, das Marten in erster Linie für seine Mutter gekauft hat. Es steht bei Rostock, in dem Dorf, in dem seine Großeltern nach ihrer Flucht aus Tschechien Unterschlupf fanden. »Meine Großeltern hatten wirklich nichts. Die haben in einer Baracke gehaust und mein Opa hat meine Oma vor den Pflug gespannt, weil sie sich kein Pferd leisten konnten.«

Martens Opa war sein »absoluter Lieblingsmensch«. Ein alter, schweigsamer Mann, der nach der Zeit in russischer Gefangenschaft kaum ein Wort geredet hat. »Die Wörter, die ich mit ihm gewechselt habe, kann ich echt an einer Hand abzählen. Aber wenn er in seinem Sessel saß und Fernsehen geschaut hat, habe ich mich vor ihm auf den Boden gesetzt und er hat mir die Hand auf den Kopf gelegt und alles ist in mich hinein gefloßen – eine ganz besondere, körperliche Nähe. Das war schlimm, als er gestorben ist.« Wir verlieren uns in Erzählungen über unsere Großeltern und landen bei den materiellen Erinnerungen an die Eltern unserer Eltern. Der wertvollste Gegenstand den Marten besitzt, ist ein Geschenk von seinem Opa. Eine tarnfarbene Motorradbrille, die der Großvater sich um den Kopf band, wenn er mit seiner Schwalbe unterwegs war. »Die riecht immer noch nach ihm.« Von Großeltern, ist Marten überzeugt, lernt man unglaublich viel. Zum Beispiel Kartoffelschälen. »Meine Schwester und ich mussten die so dünn schälen, dass da kein Stück Kartoffel zwischen Schale und Kartoffel übrig lieb. Die konnten sich es damals einfach nicht leisten, verschwenderisch mit den Lebensmitteln umzugehen.« Nach dem Tod seiner Großeltern vor vielen Jahren hat Marten durch die Oma seiner Freundin jetzt wieder »ne richtige Oma«. »Ne richtige Oma, das ist geil!«, sagt er und lacht. »Die Mutter meiner Freundin und ihre Mutter wohnen auch zusammen. Ich finde es sowieso am geilsten, wenn alle unter einem Dach leben. Meine Freundin und ich gucken jetzt schon im Berliner Umland nach so einer Möglichkeit. In Rostock ginge das ja theoretisch auch.« Dann überlegt er. »Man müsste sich echt teilen, um diese ganzen Leben zu leben.«

Dabei hat Marten Laciny schon so viele Leben gelebt. Die Hansestadt-Boy-goes-U17- goes-Boss-Modell-Geschichte ist, wie eingangs schon erwähnt, oft, vermutlich zu oft, erzählt worden. Aber sie zeigt eine Sache auf sehr schöne Weise: Marten hat immer gemacht. Nicht irgendwie herumprobiert, sondern so sehr gemacht, wie man nur machen kann. Geil gemacht, gut gemacht. Jederzeit und immer. Auf »Base Ventura« als hungriger Newcomer mit Crew-Backround, als verkiffter Chipmunk. Und ganz bestimmt auf seinem zweiten ersten Album »Zum Glück in die Zukunft« aus dem Jahr 2010. Da verpackte Marteria einen welt- umspannenden Mittzwanziger-Mindstate pointiert in Songs für jedermann, und schaffte es trotz Allgemeingültigkeit dieses hektische big city life mit all seinen liebenswürdigen und superstrangen Seiten durch eine souveräne Draufsichtbrille zu sehen, zu verarbeiten und niederzuschreiben. Jeder konnte sich da etwas rauspicken. Der Hundeaussetzer, der Puffgänger, der Noch- nicht-geoutete, das Marteria Girl, der 72-Stunden-Jetset-Raver, der Viel-zu-früh- schon-Papa-gewordene, die Suffraketen. Kurzum: alle. Im letzten Jahr legte Marten dann gemeinsam mit Yasha und Miss Platnum »Lila Wolken«, dieses große Feier-Finale und die Ohrwurm-Ode an den Exzess, nach. Aber: reicht irgendwann auch mal mit vergoldeten Pappbechern, dem Hochfliegen und dem Tieffallen.

Text: Jan Wehn

Fotos: Christoph Voy

Weiter im Text geht es in Ausgabe #02 von “Das Wetter”. Kaufen könnt ihr diese in ausgewählten Läden, sowie bei Krasser Stoff!

No Comments

Post a Comment