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Marteria · Einer für Alle · (Teil 2)

 

Vielmehr ruft Miss Platnum auf »2 Finger (Kids)«, der ersten Single aus »Zum Glück in die Zukunft 2« die große Nüchternheit aus. »Jeder hat nen Job, ich hab Langeweile. Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, saufen, feiern.« Ja, es scheint fast, als ob nach dem großen Knall jetzt der Ernst des Lebens beginnt. Oder anders gesagt: es geht einfach weiter. Marten stellt im Song die großen Gegensätze gegenüber: Wein statt Weed, Schweden statt Malle und das gesamte Spießbürgertum zwischen silbernem Besteck und goldenem Retriever. Eine große Inspiration für den Song sei sein guter Freund und Manager Chris Berndt gewesen, erzählt Marten und lacht. Aber natürlich sind auch die Parallelen seinem eigenen Leben nicht von der Hand zu weisen. »Es ist doch schön, dass alles mal andersherum sagen zu können«, findet Marten. »Es gehen eben nicht mehr alle feiern. Und wenn früher zehn Leute unten vor der Tür standen und einen rausgeklingelt haben, sind es heute eben nur noch zwei.« Marten sagt selbst von sich, er sei ein Nachtmensch und gerne unterwegs gewesen. »Du hast eben Angst, etwas zu verpassen. Bei jeder Scheiße bekommst du sofort Hummeln im Arsch. Klar, wenn wir Party machen, bin ich immer noch der letzte der steht. Da ist ja auch jeder Mensch anders. Es ist ja auch geil, ein richtiges Spießerleben zu führen und einfach zu angeln. Das habe ich mir sehr lange nicht eingestehen können.« Marten hat jetzt auch einen Personal-Trainer. Viermal die Woche treffen sich die beiden an der Hasenheide. Erst wird gelaufen, dann am Spielplatz trainiert oder mit Holzstämmen auf der Schulter den Berg hoch gelaufen. »Ich merke, wie gut das tut und wie fit man ist. Man kann geiler atmen, besser schlafen. Es ist doch gut, dass man diese Erkenntnis jetzt schon hat. Ich fühle mich für meine Verhältnisse echt fresh.«

 

Dieses Bekenntnis zum Älterwerden
 an dieser Stelle und von Marten macht nur
 Sinn bei einem, der schon – menschlich als 
auch musikalisch – immer einer der ersten
 und außen vor war. Man nehme nur »Base Ventura«, Martens Debütalbum aus dem
Jahr 2007. Das Intro schließt mit den Worten »Ab jetzt traust du dich zu sagen, dass
 du Rap hörst.« Es dauerte zwar noch ein
 paar Jahre länger. Aber es hat funktioniert.
 Dass Rap sich 2013 (und in den Jahren davor wohlgemerkt auch schon) nicht mehr verstecken muss, haufenweise erste Plätze in den Charts abräumt und überhaupt noch nie so eigenständig, cool und doch für alle interessant war – das war allen voran der Verdienst von Marteria und seinem Album »Zum Glück in die Zukunft«. Mit diesem Vorschlaghammer klopfte er ein paar mal vor die Wand, hinter der Rap nach dem Niedergang von Aggro Berlin eingepfercht hockte und sein eigenes Süppchen kochte. Die poröse Wand trat Casper mit »XOXO« durch und Cro walzte kurz darauf alles platt. So geht der Dreischritt dieses trio infernale, das in den letzten Jahren als Wegebner für eine neue Generation an Rappern fungierte. Aber im Gegensatz zu den anderen beiden unterscheidet sich Martens Anhängerschafft enorm. Seine Musik klingt nicht zielgruppenorientiert, sondern vielmehr allgemeingültig. Am ehesten lässt sich das wohl mit Martens Charakter und Werdegang erklären. Er ist sympathisch, bodenständig, lokalpatriotisch. Er macht, was jeder macht. Und wenn das nicht klappt, macht er etwas anderes. Weil es geht. Er wollte schon vieles sein und ist einiges davon sogar geworden. Statt sich eine goldene Nase in der Bundesliga zu verdienen, probiert er das mit dem Modeln mal aus. Und anstatt von New York aus immer weiter abzuheben, geht er wieder nach Rostock zurück und macht mal ein bisschen Musik. Und wird damit auch noch so erfolgreich. Er flext ein bisschen rum, erdenkt sich ein dauerbreites Alter Ego und tritt mir nichts dir nichts mit Klaus Doldinger, Campino, Jay Delay, Peter Fox, Lexy und K-Paul, mit Sido und mit Haftbefehl auf. Marten kann mit jedem. Und zwar nicht, weil er sich durch die Musikindustrie hurt, sondern weil er einer der wenigen aufrichtigen, ehrlichen Menschen in diesem Moloch ist. Marten Laciny ist der Posterboy des Deutschrap. Einer, der weder das Baggyhosen-Image noch das des eklektischen Grenzenbrechers oder das des trendbewussten Hipsters bedient.

Genau so ist es auch mit den Themen
 auf »Zum Glück in die Zukunft 2«. »2 Finger« ist, wie schon erwähnt, die von allen so
 sehnsüchtig herbeigewünschte Rechtferti
gung für das Füße hochlegen am Samstagabend. Der längst überfälligen Coolisierung
 des Langweilertums steht mit »Die Nacht
 ist mit mir« das musikgewordene Schädel-
brummen nach einem apokalypsehaften Besäufnis gegenüber. Die Zeiten, in denen man 
eine ganze Flasche Schnaps weggesoffen hat,
 sind eben vorbei. Aber das gepflegte Besäufnis, sei es aus Flucht vor dem Alltag oder kollektiver Euphorie, das macht man ja auch 
immer noch – nur eben nicht jedes Wochenende. Das Post-Beziehungs-Reinemachen »Alt&Verstaubt« ist ebenso entwaffnend
 und ehrlich wie die von Marten berapp
te »Eintagsliebe«. Außerdem wäre da noch
»Gleich kommt Louis«, die Fortsetzung von
»Louis« in der Marten erneut mit dem Vaterwerden auseinandersetzt und dabei so
 herrlich widersprüchlich zwischen Verantwortung und Planlosigkeit hin- und hertaumelt. Jedes der Lieder ist eine mitten aus
 dem Leben geholte Miniatur für einen je
den von uns. Auch die Nicht-Rapfans. Klar,
 rein technisch ist bei Marten noch Luft nach 
oben. Aber muss er überhaupt unerreichte Höhen erreichen? Mit so einem Organ?
Mit so einer Stimme, die einfach so sexy, so
 unaufgeregt daherkommt? Das Gesamtpro
dukt strahlt eine so unglaubliche Coolness
 aus, das Teilaspekte beinahe untergehen, ja,
 schlicht und einfach egal sind.

 

Das liegt natürlich auch an den Texten. Was wurde da nicht drauf herumgeritten, dass Marten sich während des Entstehungsprozess von »Zum Glück in die Zukunft« mit den Krauts im Studio eingeschlossen und in liebevoller Kleinstarbeit Leitsätze, wie etwa das Streichen von Füllwörtern, für die Albumproduktion entwickelt hatte. Diese pingelige und perfektionistische Präzision hatte es im eigenbrötlerischen Deutschrap bis dato nicht gegeben. Aber die Akribie des kreativen Gespanns zahlte sich aus: Die Produktionen der Krauts und auch Martens Texte waren in den Jahren nach dem Erscheinen der Platte gefragt wie nie und brachten sowohl den Krauts lukrative Auftragsarbeiten, als auch Marten einige Songwriting-Jobs ein. Auch seine eigenen Texte durchlaufen immer noch diese Qualitätskontrolle. Marten schickt sie an einen alten Freund der Familie in Hamburg. »Der ist ein Alt-68er und hat als Dramaturg zig Theaterstücke inszeniert und Bücher geschrieben. Ein wahnsinnig intelligenter Mensch, dessen Wortwahl mich schier umhaut.« Die Meinung des 73-jährigen Brieffreunds sei ihm unglaublich wichtig. So hat Marten ihm zum Beispiel den Text zu »Bengalische Tiger« geschickt. »Bei manchen Songs weiß ich ja, dass sie geil sind. Aber wenn ich unsicher bin, bekommt er sofort Post von mir. Seien es jetzt Kinderlieder oder politische Sachen. Immer wenn es brenzlig ist, schicke ich ihm das.« Marten erzählt von den Schwierigkeiten des Songwritings über Dinge, die er liebt und die ihm wirklich wichtig sind. »Das schaffe ich einfach nicht »Ich habe ja noch nie einen richtigen Fußballsong geschrieben.« Aber was ist denn mit »Maradona Shirt?« »Ah, der war auch nicht geil genug, damit er es auf die Platte kommt. Ich schaff es nicht, ein gutes Fußballlied zu schreiben. Aber wenn doch, dann wäre er der erste, dem ich das zeigen würde.«

 

Das Schöne: Man hört »Zum Glück in die Zukunft 2« dieses Streben nach Perfektion nicht mehr an. »Das ist jetzt alles vorbei«, lacht Marten. »Bei der ersten Platte war ich ein Niemand und hatte das Glück dass die Krauts die Platte mit mir gemacht haben. Man lernt die ganze Zeit und ist da drin gefangen. Diese ganze Planungsphase war auch geil. Wir haben unglaublich viel verworfen und dann gemerkt, dass es, je weniger man macht, um so geiler wird. Jetzt ist alles geiler und freier.« Marten erzählt, wie er »Bengalische Tiger« oberkörperfrei aufgenommen hat und einen anderen besoffen. »Eigentlich«, erzählt Marten weiter, »war der erste Take auch immer der Geilste.« Das Raue, Schlampige und Schnelle vermischt sich auf »Zum Glück in die Zukunft 2« mit dem Anspruch aus der Vergangenheit. Schubweise Opulenz und Breitbeinigkeit, dann aber auch wieder detailverliebte Frickelphasen und komplizierte Ausgechecktheiten. Was auffällt: Wenig Miss Platnum, noch weniger Yasha. Dafür mehr Marten. Und Marsimoto. Das als Quasimoto-Hommage gestartete Alter Ego und dessen Kifferwahnsinn schleichen sich immer wieder zwischen die Zeilen – sein es durch abgedrehte adlibs oder markante Flowvariationen. Stellenweise, erzählt Marten, habe sich der Arbeitsprozess tatsächlich angefühlt, als wenn man an einer Marsimoto-Platte gearbeitet hätte. Bis auf einige wenige, gemeinsame Features wurden diese beiden Charaktere zuvor nie miteinander vermengt. Stattdessen gab es immer hier den schmandigen Weedwahnsinn zwischen Bongflutschen, sowie Beck’s-Pfandbatterien und dort die Smartness mit Bartschatten. »Jetzt auch Marsimoto auf der Platte zu haben, fühlt sich total schön an. Das macht es leichter und man kann sich mehr erlauben.«

 

In Würde altern – das ist so eine blöde Phrase. Besonders im Rap. Aber man muss über sie reden. Jetzt, wo »Zum Glück in die Zukunft 2« erscheint. Jetzt, wo die Deutschlands erste HipHop-Generation langsam immer älter und teilweise leider Gottes auch immer peinlicher wird. Denn so richtig cool dreißig geworden ist bis auf Jan Delay eigentlich keiner von den Jungs, die Rap in Deutschland groß und gut gemacht haben. Kool Savas spielt die beleidigte Leberwurst und zehrt von seinem Legendenstatus, Samy Deluxe bekämpft die Falten mit dem Schminkköfferchen, Azad sieht die Azzlacks an sich vorbeiziehen, Curse könnte vielleicht was reißen, werkelt gerade aber lieber im Hintergrund, Sido mimt den geläuterten bad boy und wirkt mit dem Familiending doch nur heillos überfordert, Bushido gibt sein mühsam lange aufgebautes Image aus Strickpulli und ungemachten Haaren für ein gekränktes Ego dran, Casper flüchtet mit seinem aphoristischen Zitat- Hop nach vorne und Prinz Pi inszeniert sich als urbaner Dandy mit Beatles-Fetisch und Nostalgia-Wehmut.

 

Man Merkt: Eine mit Anfang 20 erfundene Kunstfigur, von deren Realness man damals natürlich überzeugt war, mit einer gewissen Reife auszustatten und in das Erwachsenenleben zu überführen und die scharfe Trennlinie zwischen Künstlerpersona und Privatmensch langsam verschwinden zu lassen und dabei doch nicht mit der Erwartungshaltung der Hörerschaft zu brechen, stellt die Deutschrapelite merklich vor ein Problem. Nicht so Marteria. Weil er sich eben nicht hinter irgendeinem erdachten Image versteckt hat, sondern seine Kifferkunstgriffe stets mit Marsimoto ausgelebt hat. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er jetzt einfach so mir nichts dir nichts ein Album wie »Zum Glück in die Zukunft 2« gemacht hat, das zeigt, dass man vor dem Alter keine Angst haben muss. »Die Welt, sie dreht sich weiter, nur eben nicht mehr ganz so laut«, singen Marteria und Julian Williams in der letzten Zeile von »Kids (2 Finger)«. Wenn man das erst mal akzeptiert hat, geht der Rest ganz von alleine.

 

Text: Jan Wehn

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